Pflegegrad beantragen: was die Begutachtung wirklich abfragt
Sechs Module, ein Punktesystem, ein Termin von 60 bis 90 Minuten. Was zählt, was Angehörige vorbereiten, und wo die meisten Anträge schiefgehen — aus dem Wohnzimmer erklärt.
Beim ersten Pflegegrad-Antrag in unserer Familie hat meine Tante zwei Sätze gesagt, die uns einen Pflegegrad gekostet haben: „Ach, das schaffe ich schon allein.“ Sie hat es ehrlich gemeint. Die Gutachterin hat es genauso aufgeschrieben. Und dann gab es Pflegegrad 1 statt 3.
Diese Begutachtung ist kein Test, den man besteht oder durchfällt. Es ist ein Termin von 60 bis 90 Minuten, in dem fremde Menschen in einer fremden Situation Punkte vergeben — anhand eines Schemas, das du vorher kennen kannst. Wenn du diesen Artikel zu Ende liest, bist du besser vorbereitet als 80 % der Antragsteller:innen, die ich kenne.
Was du wissen musst, in vier Sätzen
- Es gibt sechs Module, sie haben unterschiedliche Gewichtung — Selbstversorgung zählt 40 %, Mobilität nur 10 %.
- Aus den Modulen kommen Punkte, aus den Punkten kommt der Pflegegrad — 1 bis 5.
- Der Termin ist daheim, in normalen Klamotten, mit Pflegetagebuch und Medikamentenliste.
- „Es geht schon“ ist die häufigste Selbst-Sabotage. Sag, was nicht geht — auch wenn es sich blöd anfühlt.
Die sechs Module — was wirklich abgefragt wird
Klick auf ein Modul, dann siehst du die Bewertungspunkte und einen Hinweis aus der Praxis. Die Prozentzahl ist das Gewicht im Gesamtergebnis.
Mobilität
- Aufstehen aus dem Bett
- Treppen gehen
- Sich umsetzen
- Position halten
Hier wird beobachtet, nicht abgefragt. Wenn die Mutter sagt „doch, das geht alles“ — und es geht nicht — sieht das die Gutachterin im Raum.
Die häufigste Frage, die ich bekomme: „Reicht mein Zustand für Pflegegrad 2?“ — Falsche Frage. Frag dich: Was würde der MD heute sehen, wenn niemand im Hintergrund hilft?
Selbsteinschätzung: der Pflegegradrechner
Bevor du den Antrag stellst, kannst du die sechs Module einmal selbst durchgehen — und bekommst eine Punkteschätzung, die nah an dem liegt, was der MD später ausrechnet. Wir empfehlen dafür den Rechner unseres Partners sanus+, weil er genau dem amtlichen Begutachtungsassessment (NBA) folgt: ohne Anmeldung, ohne dass deine Eingaben irgendwo hängen bleiben.
Wie aus Punkten Pflegegrade werden
Aus den sechs Modulen werden insgesamt 100 Punkte. Je mehr Punkte, desto mehr Pflegebedarf — desto höher der Grad, desto mehr Geld und Leistungen. Hier die offizielle Tabelle, ohne Sternchen:
131 € Entlastungsbetrag, 42 € Pflegehilfsmittel
+ 131 € Entlastung, + 42 € Pflegehilfsmittel, + Verhinderungspflege
+ Tages- und Nachtpflege, + Kurzzeitpflege
+ Tagespflege bis 1.685 €/Monat
+ vollstationär bis 2.096 €/Monat möglich
Beträge Stand 04.05.2026 (Quelle: Bundesgesundheitsministerium). Pflegegeld geht an Angehörige, die zu Hause pflegen. Bei Pflegedienst (Pflegesachleistung) sind die Beträge höher — bis zu 796 € bei PG 2, bis 2.299 € bei PG 5 — aber davon siehst du als Angehörige nichts auf dem Konto.
Der Tag vor der Begutachtung
Was ich heute jedem in die Hand drücke:
- Pflegetagebuch — zwei Wochen, ehrlich. Nicht „idealtypisch“, sondern was wirklich war. Wann musste jemand helfen, wie lange, womit. Es gibt Vordrucke beim VdK und auf den Seiten der Pflegekassen.
- Aktuelle Medikamentenliste vom Hausarzt. Nicht aus dem Kopf — die Gutachterin will sie sehen. Auch Bedarfsmedikation aufschreiben (z. B. „bei Schmerzen“).
- Letzte Arztberichte, Reha-Entlassungsbrief, Krankenhausberichte. Stapel auf den Tisch, nicht im Ordner verschanzen.
- Eine zweite Person dabei. Idealerweise jemand, der pflegt. Allein im Termin „funktioniert“ Mama oft besser, als sie es im Alltag tut — zu zweit kommt das Bild gerade.
- Nichts inszenieren, nichts verstecken. Wenn das Bett nass ist, lass es nass. Wenn das Geschirr zwei Tage steht, lass es stehen. Klingt hart, aber: das ist der Alltag, und genau den soll der MD sehen.
Anti-Tipp: Manche raten, „die Person extra schwach zu machen“. Bitte nicht. Erstens fällt das auf, zweitens schadet es der Beziehung. Es reicht, wenn ihr ehrlich seid — die Realität ist meistens schon eindrücklich genug.
Drei Dinge, die ich nicht mehr machen würde
- Den Termin nehmen, der zuerst angeboten wird. Wenn das ein Vormittag ist, an dem die Person fit ist — lehn ab und bitte um nachmittags, wenn die Erschöpfung sichtbar wird. Der MD ist da flexibel.
- Auf die Frage „Wie geht es Ihnen?“ höflich antworten. „Gut“ ist sozial, aber sachlich falsch. Sag ehrlich: „Heute geht's, aber gestern war es schwer.“
- Nach dem Termin nicht nachhaken. Du hast ein Recht auf das Gutachten. Wenn der Bescheid niedriger ausfällt als erwartet, fordere das Gutachten an — kostenfrei — und prüfe, ob die Notizen mit der Realität übereinstimmen. Wenn nicht: Widerspruch, formlos, vier Wochen Frist.
Pflegegrad ist kein Geschenk und kein Trost. Er ist ein Werkzeug, das die Familie entlastet, damit zu Hause etwas funktioniert, das sonst zerbricht. Genau deshalb lohnt es sich, einmal vorbereitet in den Termin zu gehen — und genau deshalb erzähle ich darüber, statt darüber zu schweigen.
Häufige Fragen
Wie lange dauert es vom Antrag bis zum Bescheid?
Realistisch 5 bis 8 Wochen. Die Pflegekasse hat 25 Arbeitstage Zeit ab Antragseingang — überschreitet sie diese Frist, gibt es 70 € pro Woche pauschal als Verzugsgeld.
Brauche ich einen Anwalt für den Widerspruch?
Nein, der Widerspruch ist formlos und kostenfrei. Schwierig wird es erst, wenn auch der Widerspruch abgelehnt wird — dann lohnt eine Beratung beim VdK oder Sozialverband.
Wer darf den Antrag stellen?
Die pflegebedürftige Person selbst, oder mit Vollmacht: Angehörige, gesetzliche Betreuer:innen oder Bevollmächtigte. Wichtig: ohne Vollmacht keine Akteneinsicht.
Was ist der Unterschied zwischen MD und Medicproof?
Beide sind Begutachtungsdienste. Der Medizinische Dienst (MD) prüft für gesetzlich Versicherte, Medicproof für privat Versicherte. Die Module und das Punktesystem sind identisch.
Kann man den Pflegegrad auch wieder verlieren?
Ja — bei einer Neubegutachtung, wenn sich der Zustand bessert. Häufiger ist aber die Höherstufung; auch dafür stellt man einen Antrag, identischer Ablauf.